„Die Sensibilität ist größer geworden“

Veröffentlicht am 3. September 2013 · Veröffentlicht in Presse

ECHO-Interview – Vor der Zimmerner Kerb Fragen an Bürgermeister Grimm und Thomas Beutel zu Volksfest und Alkohol

 

Im Interview: Die Vorstellung eines Kerbjahrgangs, der Möhrchen nagt statt Bier zu trinken, sorgt im Gespräch mit dem Groß-Zimmerner Bürgermeister Achim Grimm und dem Vorsitzenden des Kerbvereins, Thomas Beutel (links), für Heiterkeit. Foto: Klaus Holdefehr

 

2012 setzte das ECHO in Berichten über die Groß-Zimmerner Kerb einen Akzent aufs Thema „Volksfeste und Alkohol“ – nicht nur zur Freude der Beteiligten. Grund genug, vor dem „Fest aller Feste“ mit Bürgermeister Achim Grimm als Vertreter der Ordnungsbehörde und Thomas Beutel, dem Vorsitzenden des Kerbvereins, zu sprechen.

 

GROSS-ZIMMERN. ECHO: Kerb und Alkohol – wie wird das Problem in Groß-Zimmern gesehen?Achim Grimm: Es ist ein leidiges Thema. Natürlich wird auf Volksfesten Alkohol getrunken. Aber es gibt es auch die Belange des Jugendschutzes. Denen werden wir mit unseren Maßnahmen in Groß-Zimmern gerecht.

Dann schaut der Bürgermeister zu Beutel, der schaut zurück, und beide müssen lachen, als sie feststellen, dass da zwei gestandene Zimmerner „Kerbvädder“ nebeneinandersitzen. Grimm, 55, war etwas früher an der Reihe als Beutel, der vergangenes Jahr seinen 50. feierte.

Beutel: Wir haben ja das Bändchen-System für die Besucher unserer umzäunten Kerbveranstaltung auf dem roten Platz mit Eingangskontrolle. Kein Bändchen signalisiert: Jugendlicher unter 16 Jahren, kein Alkohol. Eine bestimmte Farbe zeigt an: Jugendlicher zwischen 16 und 18 Jahren. Und eine andere ist Ausweis für die Volljährigkeit. Da im vergangenen Jahr vor der Umzäunung ein schwunghafter Handel mit solchen Bändchen stattgefunden hat, werden wir sie fälschungssicher machen. Der Sicherheitsdienst ist zu Kontrollen befugt. Wer mit Drinks erwischt wird, die nicht für seine Altersklasse zugelassen sind, muss diese abgeben oder wird des Platzes verwiesen. Außerdem hängen wir schon seit mehreren Jahren unser Transparent ,Don’t drink too much’ auf und bitten die Schulen um Aufklärungsarbeit.“

ECHO: „Warum rüstet sich die Gemeinde nicht mit einer so genannten Allgemeinverfügung, wie die Roßdörfer und die Umstädter, die sich damit weit reichende administrative Eingriffsmöglichkeiten sichern?

Grimm: Natürlich können unsere Ordnungskräfte auch außerhalb der Kerbarena tätig werden. Aber wir agieren zweigleisig. Unsere Jugendförderung macht mit den Schulen Präventionsarbeit, und wir hoffen auf Einsicht, aber wir kontrollieren auch auf dem Fest. Die so genannte Rucksack-Problematik mit den mitgebrachten harten Alkoholika nimmt schließlich zu. Wir konfiszieren diese Alkoholika gegebenenfalls.

Beutel: „Wir müssen bei diesen Problemen immer den Kopf hinhalten. Dabei ist doch auch die Frage, wo die Jugendlichen die alkoholische Getränke her haben. Was ist mit den Eltern?

Grimm: Wir bringen auffällig alkoholisierte Jugendliche heim und suchen das Gespräch mit den Eltern. Dabei haben unsere Kräfte auch schon mal von einem Vater erfahren, dass dieser selbst seinem Sohn die Flasche Cognac gegeben hat. Aber insgesamt haben wir keine Zeichen für eine generelle Zunahme von Alkohol-Problemen unter Jugendlichen. Allerdings werden die Fälle immer jünger, und es sind mehr Mädchen darunter. Auf der anderen Seite attestiert uns die Polizei eine Abnahme der Gewalttätigkeiten an Kerb. Insgesamt ist die Sensibilität zu Recht größer geworden.

ECHO: Und wie halten es Kerbverein und Kerbborschte selbst? Gibt es da nicht manchmal Aktionen, mit denen das Saufen regelrecht propagiert wird?“

Beutel: Wie sprechen das Thema Alkohol mit dem jeweiligen Jahrgang an und weisen die Kerbborschte darauf hin, dass sie während der Kerb vier Tage unter öffentlicher Beobachtung stehen. Und das gesellschaftliche Bild des Alkohols hat sich so verändert, dass unter den Kerbborschte auch Nicht-Trinker akzeptiert werden. Aber wenn ein Jahrgang dem anderen die Kerbbobbe klaut, wird die wohl weiterhin mit einigen Kästen Bier ausgelöst werden müssen. Was wäre denn die Alternative? Ein Sack Geele Riewe ?“

Mit der Vorstellung eines möhrchen-nagenden Kerbjahrgangs endet das Gespräch in allgemeinem Lachen.

Quelle: www.echo-online.de